Es sollte das erste Weihnachtsfest nach dem Krieg werden. Es war noch nicht lange her, dass die Waffen schwiegen und die Menschen mühsam versuchten ein normales Leben zu führen.
Die kalten Winde rüttelten an den Ästen und es war als wollte uns das Wetter mit seiner harten Kälte zeigen, dass der Übergang zum friedvollen Leben nur langsam von statten gehen kann… als würden wir es nicht selber mitbekommen.
In dieser eisigen Zeit gab es viele windschiefe, undichte kleine Häuser in dem Dorf gleich am Waldesrand. In einem davon lebte ich mit meiner Familie, also mit meinem Mann, unseren 5 wundervollen Kindern und unserem Hund.
Das Essen war rar, im Krieg genauso wie jetzt, da hatte sich kaum etwas geändert. Mit viel Glück und Talent im Tauschhandel hatten wir es aber geschafft Monate lang alle Zutaten für einen Schokoladenkuchen anzusammeln. Dafür mussten mein Mann und ich einige Male auf Mahlzeiten verzichten, doch war es die einzige Möglichkeit gewesen unseren Kindern zum Heilig Abend wenigstens eine kleine Freude zu machen. An Geschenke war erst gar nicht zu denken. Und somit wollten wir am Heiligen Abend nach dem Kirchenbesuch alle zusammen den Kuchen verspeisen.
Einen Tag vor Weihnachten wütete ein heftiger Sturm in unserem Dorf. Zum Glück fanden wir genügend Kleidung und Stoffreste, um all die Löcher in den Wänden zu stopfen, in denen der Wind hineinkam. Da es schon früh dunkel wurde zündeten wir viele Kerzen an und während meine zwei Söhne und ich den Kuchen zubereiteten, sangen die anderen in der Stube Weihnachtslieder. Es war herrlich als der frische Kuchenduft durch das ganze Haus fuhr. Und in jedem Gesicht breitete sich voller Vorfreude ein breites Grinsen aus.
Selbst als wir am nächsten Tag von der Kirche zurückkamen konnte man noch den wunderbaren Geruch nach süßen Schokoladenkuchen in unserem Haus ausmachen. Gemeinsam deckten wir den Tisch. Als ich gerade den Kuchen dazu stellte klopfte es auf einmal an der Tür. Erschrocken sahen wir uns alle an. Es klopfte noch einmal. Wieder sahen wir uns zunächst an und dann auf den Kuchen.
„Hallo? Seid ihr da?“ fragte eine fröhliche Stimme.
Unsere Blicke tauschten sich aus. Wir alle wussten wer das war. Es war eine befreundete Familie, die wir seit Jahren kannten. Eine Familie mit nicht weniger als 6 Köpfen… 6Menschen, die den Kuchen sehen würden und auch etwas davon haben wollen würden, weil sie so was wahrscheinlich seit Jahren nicht mehr gegessen haben. Ich glaube wir alle hatten in diesem Moment das gleiche gedacht, jedenfalls handelten wir ohne weitere Absprache. Meine Kinder räumten leise das Geschirr weg, ich versteckte den Kuchen im Küchenschrank und mein Mann ging an die Tür und erwiderte nur „ Einen Augenblick!“, bis er schließlich die Tür öffnete.
„Gesegnete Weihnachten wünschen wir euch“ klang froh eine Frauenstimme und wir schauten in die Gesichter einer durchgefrorenen, aber glücklich scheinenden Familie. Wir luden sie ein hereinzukommen und sich ein Weilchen an unserem Kaminfeuer aufzuwärmen. Es waren wunderbare Stunden die nur so dahin flossen… den Kuchen ließen wir aber in seinem Versteck. Zum Schluss konnte ich es nicht mehr länger aushalten und fragte, warum dieser Besuch denn gerade heute gewesen sei. Schließlich war Heilig Abend und da sind die Familien ja meistens unter sich. Verlegen schaute das Ehepaar zu Boden und nach einer Weile begann der Mann zu sprechen:
„Wir wollten euch fragen, ob ihr vielleicht noch ein paar Kartoffeln übrig habt und vielleicht ein wenig Holz. Wisst ihr, dieser Winter ist wirklich streng und… alles Holz ist aufgebraucht und… die wenigen Kartoffeln die wir noch hatten…
„Aber ja, aber ja“ sagte mein Mann, sprang auf und holte etwas Holz und ein paar Kartoffeln die wir erübrigen konnten. Die Gabe war wie ein Tropfen auf einem heißen Stein und es war klar, dass das Holz höchstens für eine Stunde reichen würde und die wenigen Kartoffeln noch nicht mal eine Person sättigen würde. Aber was hätten wir tun sollen, wir mussten doch auch die nächsten Tage über die Runden kommen.
Als es dunkel wurde machten sie sich wieder auf den Weg. Sie bedankten sich noch sehr oft beim Gehen. Als das Gartentor quietschend zufiel und mein Mann die Tür schloss sahen wir uns alle betreten an. Es dauerte nicht lange und ich ging zum Küchenschrank und holte den Kuchen, meine Kinder deckten den Tisch wieder ein und wir saßen uns schweigend gegenüber. Ich wollte die Stimmung etwas auflockern und fragte gespielt munter wer denn jetzt ein leckeres Schokoladenstück haben wollte. Keiner antwortete. Das Feuer knisterte und draußen begann es zu schneien.
Was hatte der Krieg nur aus uns gemacht? Das wir noch nicht mal an Heilig Abend teilen konnten. Der gestrige Sturm hatte in dem Haus der befreundeten Familie Teile des Daches zerstört, so dass es unerträglich kalt dort sein musste… und trotzdem hatten wir sie gehen lassen. Nur an unser Wohl denkend haben wir lediglich das nötigste an Holz und Kartoffeln gegeben… und unseren Kuchen wollten wir ganz für uns. Ich schämte mich so sehr. In all diese Gedanken hinein sprach einer meiner Töchter das aus, was wir alle gedacht haben „ Lasst uns Holz, Kartoffeln, Decken und den Kuchen zusammenpacken und zu unseren Freunden gehen!“ Und mit unseren Lächeln wurde dieser Plan besiegelt.
Wir packten alles zusammen, nahmen den großen Schlitten und wanderten durch den Schneesturm ans andere Ende des Dorfes. Dort angekommen läuteten wir an der Tür und als uns eines der Kinder aufmachte, strahlte es über beide Ohren und rief ins Haus hinein „Mutti, jetzt ist es Weihnachten!“.
In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein kuscheliges Beisammensein!
Eure Johanna
